Weihnachten

Der Cherub steht nicht mehr dafür!

Bei uns zu Hause war es üblich, dass meine Mutter an den Tagen vor Weihnachten die ganze Wohnung putzte, die "gute Stub" aber für uns Kinder verschlossen war. Erst am Weihnachtsabend nach dem Gottesdienstbesuch durften wir das Wohnzimmer mit dem Christbaum und den Geschenken betreten. Dort sangen wir dann gemeinsam unsere Weihnachtslieder, u.a. das Lied "Lobt Gott, ihr Christen alle gleich ...".

Die letzte Strophe davon lautet:

"Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis,
 der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis ..."

Diese Strophe war für mich der musikalische Triumph von Weihnachten über das vorangehende Putzen und Warten: In meiner Vorstellung war der von mir gehörte "Kehrup" eine Art Mopp, mit dem der Boden feucht gewischt wurde und der, in einem Eimer vor der Tür stehend, den Zugang ins Weihnachtszimmer versperrte. Daher sang ich jubelnd mit, wenn es schließ­lich hieß:

"Der Cherub steht nicht mehr dafür ..." - ja, dann wusste ich: Jetzt ist Weihnachten!

Auch wenn ich heute weiß, dass "der Cherub" der Engel ist, der das Paradies bewacht, sehe ich beim Singen dieses Liedes mein altes Bild vor mir und freue mich, dass nun Weihnachten ist.